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Geschichte der HLS

Siehe Grundlagen

Dieser Beitrag soll die Entwicklung und Historie der pneumatischen Hochleistungssirenen in Deutschland beschreiben.

1945 - 1959

1945 - 1956 | Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges begann man in Deutschland damit, wieder eine Infrastruktur und gesetzlich geregelte Organisation für den Schutz der zivilen Bevölkerung aufzubauen. Nachdem 1950 das THW gegründet wurde und die Aliierten 1956 dem Aufbau einer Bundeswehr zustimmten, waren damit alle Grundsteine für einen umfangreichen Zivilschutz gelegt.

09. Oktober 1957 | Das Erste Gesetz über Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung (1. ZBG) tritt in Kraft. Darin wird der Aufbau eines Luftschutzwarn und -alarmdienstes beschrieben, sowie die Schaffung der Warnämter und die Zuständigkeiten zur Beschaffung von Gerätschaften zur Warnung der Bevölkerung. Noch in diesem Jahr wird der Gesetzesentwurf zur Gründung des Bundesamtes für zivilen Bevölkerungsschutz veröffentlicht.

1957 - 1958 | Das Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz berät darüber, wie die Aufgabe der Warnung der Bevölkerung im Zuge des Luftschutzwarn und -alarmdienstes durchgeführt bzw. verbessert werden kann. Es gibt beim Institut für Phonetik und Kommunikationsforschung der Universität Bonn eine Studie in Auftrag, die die Eignung von verschiedenen Schallerzeugungsverfahren unter technischen und psychologischen Aspekten zur Nutzung als Alarmmittel im Zivil- und Katastropenschutz erforschen soll.

19. April 1958 | Das Institut für Phonetik und Kommunikationsforschung der Universität Bonn kommt zu dem Schluss, dass eine mit Pressluft betriebene Sirene die Lösung des Problems darstellen könnte und erteilt der PINTSCH BAMAG AG im hessischen Butzbach den Auftrag, anhand der gemachten Studien einige Prototypen zu entwickeln. Hier sollte speziell ein Luftverteiler (bzw. Schallgeber oder Rotor-/Statoreinheit) entwickelt werden. Der Auftrag erhält von der PINTSCH BAMAG AG die Auftragsnummer 50 697.

29. August 1958 | Nachdem erste Versionen des Luftverteilers entwickelt wurden, beauftragte das Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz die PINTSCH BAMAG AG, ein komplettes Konzept für eine Pressluftsirene zu entwickeln. Dafür wurde ein entsprechender Anforderungskatalog erstellt und übergeben.

05. Dezember 1958 | Nach diversen Planungen, Gesetzesänderungen und Vorgängerabteilungen wurde an diesem Tag das Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz u.A. mit der Aufgabe gegründet, den deutschen Warndienst zu betreiben und für eine deutschlandweite Warnung der Bevölkerung zu sorgen.

12. - 16. Januar 1959 | Es werden in Butzbach Messungen zum Verhältnis mechanischer Leistung und Schallstärke durchgeführt. Dabei werden insgesamt 87 komplexe Testläufe mit unterschiedlichen Luftverteilern durchgeführt, bei denen Lochgröße, -anzahl und weitere Parameter variierten. Die optimale Ausführung des Luftverteilern soll damit bestimmt werden.

13. März 1959 | Es werden Messungen zur Schallausbreitung in Stadt und Umgebung Butzbach durchgeführt. Für die Tests im Stadtbereich wird ein Sirenenkopf der Pressluftsirene auf dem Butzbacher Hexenturm installiert. Der Hexenturm ist eines der letzten vorhandenen Stücke der ehemaligen Stadtbefestigung, liegt mitten in der Innenstadt und hat eine ähnliche Höhe wie die spätere Rohrmastanlage. Ideale Testbedingungen also. Bereits am 11. März 1959 werden die Bürger von Butzbach mit einem Zeitungsartikel in der Butzbacher Zeitung auf den Test vorbereitet. Damit keine Verwechslung mit dem Feueralarm passieren kann, wird vor jedem 30sek dauernden Testlauf die Sirene einmal kurz aufheulen lassen.

Weiter werden auch Tests vom Werksgelände aus durchgeführt. Dort ist nur wenige Meter neben der Hochleistungssirene auch eine Motorsirene E57 auf einem Strommast montiert. Mit beiden Sirenen werden am 13. März ebenfalls Vergleichsmessungen durchgeführt. Die besagte E57 ist heute noch auf dem Gelände vorhanden.

21. April 1959 | Die Kommunikationsleitungen der Warnämter untereinander und zu weiteren Stellen werden zum ersten Mal in Betrieb genommen.

25. April - 15. Juni 1959 | Die von der PINTSCH BAMAG AG geplanten Klimatests mit dem Prototypen sollten eigentlich auf dem Hohen Peissenberg durchgeführt werden. Da dort aber zu dieser Jahreszeit nicht mehr mit Wintereinbrüchen und passenden Temparaturen zu rechnen war, wurde der Klimatest auf die Zugspitze verlegt. Die Bayrische Zugspitzbahn stimmte zu, den Test neben einer Terasse des damaligen Hotels Schneefernerhaus in 2650 Meter Höhe durchzuführen. Insgesamt 54 Testläufe wurden durchgeführt und dabei jeweils die Stromstärke des Motors gemessen. Bei Temparaturen zwischen -9°C und +4°C bei unterschiedlichen Wetterbedingungen zeigte der Schallgeber keinerlei Ausfallerscheinungen. Anlaufstrom und Dauerstrom blieben immer auf konstantem Niveau.

29. Juli - 31. Juli 1959 | An diesen Tagen wurden weitere Klimatests in der Klimakammer der Klöckner-Humboldt-Deutz AG in Köln durchgeführt. Der Prototyp wurde dabei bei bis zu -30°C betrieben. Auch bei diesem Test zeigte sich, dass weder Motor, noch Luftverteiler durch die Kälte beeinflusst werden. Lediglich ein Magnetventil der Fa. Herion versagte bei diesen Temparaturen. Man wollte sich nach diesen Tests mit der Fa. Herion in Verbindung setzen, um über ein kältebeständigeres Ventil zu reden.


1960 - 1969

Vermutlich 1960 | Nachdem die PINTSCH BAMAG AG die Anlage 1 zur Serienreife gebracht hat, werden neben der Musteranlage in Butzbach die ersten Serien-HLS installiert. Vermutlich die ersten beiden HLS Standorte überhaupt werden in Gießen errichtet. Das genaue Datum ist allerdings nicht bekannt. Bis zur Ablösung durch die Anlage 2 werden in Deutschland rund 80 Pressluftsirenen des Typs Anlage 1 installiert. Eine Vielzahl der Anlagen geht auch ins Ausland. So sind Aufstellungen in Finnland und Südafrika bekannt.

Sommer-Herbst 1961 | Mitte August 1961 werden die drei Standorte Neheim, Ense und Meschede installiert. Gegen Oktober folgt der Standort Garching.

12. Oktober 1961 | Während des Internationalen Kongresses für zivilen Bevölkerungsschutz im schweizer Montreux, wird im Beisein von vielen Delegierten aus verschiedene Ländern die Warnwirkung der Anlage 1 vorgeführt. Die Pressluftsirene steht dabei rund 10km vom Kongressgelände entfernt und wird dort trotzdem noch mit einer Lautstärke von 64dB gemessen.

1961 - 1966 | Die seit Gründung des Warndienstes nur provisorisch untergebrachten Technik- und Verwaltungsstellen des Warndienstes, können zwischen 1961 und 1966 in die fertiggestellten Warnämter einziehen.

22. Januar 1963 | Die PINTSCH BAMAG AG schickt einen endgültigen Abschlussbericht zur Entwicklung einer Pressluftsirene an das Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz nach Bonn. Erstaunlich ist, dass bereits Ende 1962 Teile des Konzepts der 1964 in Dienst gestellten Anlage 2 vorhanden zu sein scheinen, da sich im Lager der PINTSCH BAMAG AG bereits der Prototyp eines Drucklufttank als Rohrmast befindet.

27. Februar 1963 | Der erste bundesweite Sirenenprobealarm wird aus den Warnämtern heraus ausgelöst. Hier waren auch die ersten HLS beteiligt.

1964 | Die PINTSCH BAMAG AG kommt mit der verbesserten Anlage 2 auf den Markt. Diese wird bis zum Ende der PINTSCH BAMAG AG rund 40mal in Deutschland, vornehmlich in den Städten Kassel und Nürnberg sowie im Landkreis Traunstein installiert. Aufstellungen im Ausland sind auch hier sehr wahrscheinlich, auch wenn bis jetzt keine Anlagen gefunden wurden.

Um 1964 | Bereits 1964 oder noch früher, plagen die PINTSCH BAMAG AG Geldsorgen und Gewinneinbrüche. Es wird bereits nach einem Investor gesucht. Vermutlich zur gleichen Zeit macht sich das Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz auf die Suche nach einem neuen Partner, der im Auftrag weitere HLS produziert und das Sirenennetz weiter ausbaut.

1965 | Die Rickmers Werft entwickelt bis Dezember 1965 eine eigene HLS. Zwischen 1965 und 1967 werden fünf Anlagen in Hessen installiert. Nach diesen fünf Anlagen verschwindet die Rickmers Werft wieder von der Bildfläche. Über Hintergründe kann nur spekuliert werden, da es die Rickmers Werft mittlerweile nicht mehr gibt und die Nachfolgefirmen keinerlei Informationen darüber haben, dass der Schiffsbauer überhaupt jemals HLS gebaut hat. Denkbar ist, dass die Rickmers Werft nach Bekanntwerden der Probleme der PINTSCH BAMAG AG mit der HÖRMANN GmbH um die Nachfolge im HLS-Bereich konkurrierte, eine eigene HLS entwickelte und einige Musteranlagen produzierte, den Auftrag aber nicht bekam und deshalb wieder von der Bildfläche verschwand. Unterstützt wird die Vermutung dadurch, dass im Archiv des Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz Fotos der Montage der HLS in Rüsselsheim gefunden wurden.

13. August 1965 | An diesem Tag erscheint im Magazin Die Zeit, Heft Nr. 33 ein Artikel über die PINTSCH BAMAG AG mit dem Titel „Käufer gesucht“. Dort wird ausführlich berichtet, dass es bei der PINTSCH BAMAG AG erhebliche Probleme gibt. Ein Großaktionär soll das Unternehmen stabilisieren, die Anteilseigner verkomplizieren dieses Vorhaben aber. Man suche bereits seit eineinhalb Jahren nach einem finanzkräftigen neuen Partner.

1965 - 1967 | In Ruhpolding wird ein Prototyp einer HLS der HÖRMANN GmbH installiert. Dieser ähnelt bereit dem späteren Modell F71, unterscheidet sich aber noch in vielen Details. Hauptmerkmal ist der verwendete Sirenenkopf der PINTSCH BAMAG AG. Zu dieser Anlage wurde von der HÖRMANN GmbH auch ein spartanischer Werbeprospekt entworfen. Diese Anlage wurde also bereits vermarktet. Vermutlich geschah dies im gleichen Zeitraum wie das Erscheinen der Anlagen der Rickmers Werft, mit dem Ziel, den Folgeuftrag des Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz zu bekommen. Ob es weitere solcher Anlagen gab ist nicht bekannt.

1967 | Mit der Fabriknummer 001 wird in Wittibreut die erste HLS vom Typ F71 aufgestellt, die komplett von der HÖRMANN GmbH entwickelt und gebaut wurde. Von nun an werden bis 1973 rund 300 HLS diesen Typs in Deutschland und weltweit aufgestellt.

1965 oder 1967 | Die PINTSCH BAMAG AG wird von Hans Heinrich Baron Thyssen-Bornemisza übernommen. Die Produktion von HLS wird vermutlich auf Grund von Geldmangel und dem entzogenen Auftrag des Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz eingestellt. Übrig gebliebene Anlagenteile könnten an den Nachfolger, die HÖRMANN GmbH verkauft worden sein, was den Sirenenkopf auf der Musteranlage in Ruholding erklären würde.


1970 - 1979

1970 | Der Großaktionär Hans Heinrich Baron Thyssen-Bornemisza dreht der PINTSCH BAMAG AG den Geldhahn zu. Das Aus der PINTSCH BAMAG AG ist damit endgültig besiegelt, das Unternehmen wird liquidiert. Am Standort Butzbach verbleiben etliche Tochterunternehmen oder ausgegliederte Gesellschaften.

1973 | Die HÖRMANN GmbH stellt ihren neuen, überarbeitenen Sirenentyp HLS 273 vor.

1975 | Über die Innenministerien der Länder wird von der HÖRMANN GmbH die Information verteilt, dass für die eigenen HLS nun eine Zusatzeinrichtung verfügbar ist, die die Abgabe von Signalen mit geringerer Lautstärke möglich macht. Eine Mitbenutzung der HLS für die örtliche Feuerwehralarmierung ist somit nun möglich. Die Abgabe des Signals in voller Lautstärke für den Zivilschutz ist aber weiterhin möglich. Diese Zusatzeinrichtung kostet 1.996 DM. Ob HLS mit dieser Einrichtung jemals nachgerüstet wurden ist nicht bekannt.


1980 - 1989

1981 | Die HÖRMANN GmbH stellt ihren neuen, überarbeiteten Sirenentyp HLS 381 vor.

1986 | Mit der HLS 381 in Marktredwitz wird die bisher letzte bekannte HLS überhaupt aufgestellt.

1988 | Das Bundesamt für Zivilschutz hält im Warnamt V in Linnich eine Konferenz zur Zukunft des „Mess- und Warnnetzes“ ab. Aus Bildern geht hervor, dass die HÖRMANN GmbH hier die HLS 573 und die ECL als mögliche Nachfolgemodelle präsentiert.

1988 - 1990 | Zumindest aus Bayern liegen Dokumente vor, die eine detailierte Neuplanung des Warnnetzes zeigen. Auf Grund der geänderten Anforderungen (Siedlungsgebiete, Gefahrenschwerpunkte) werden hunderte neue Sirenenstandorte geplant. Zum Einsatz kommen sollen hier nach wie vor HLS und neue elektronische Sirenen. Auf Grund der Konferenz in Linnich ist davon auszugehen, dass man ab 1990 dann HLS vom Typ HLS 573, sowie die ECL der HÖRMANN GmbH für den Zivilschutz aufgebaut hätte.

29. März 1989 | Der letzte halbjährliche Probealarm, der bundesweit ausgelöst wurde, fand an diesem Mittwoch statt. Danach gab es nur noch vereinzelt regionale Probealarme.


1990 - 1999

1992 | Nach dem Ende des Kalten Krieges beschloss die Bundesregierung, den Warndienst aufzulösen. Alle Standleitungen wurden gekündigt und die Warnämter nahmen ab nun hauptsächlich Aufgaben der Strahlenschutzvorsorge wahr. Das Sirenennetz wurde somit stillgelegt und noch in diesem Jahr an die Kommunen zur Übernahme angeboten.

1993 | Bereits 1993 war ein Großteil des damaligen Sirenennetzes an die Kommunen übergeben worden, die restlichen Sirenen wurden zur Demontage durch das Bundesamt für Zivilschutz vorgemerkt. Unstimmigkeiten über den Verkauf der restlichen Anlagen an die HÖRMANN GmbH, bzw. an weitere teils private Bieter verzögerten den geplanten Abbau der restlichen Anlagen.

Bis 1998 | Die bundesweite Demontage der Hochleistungssirenen konnte 1998 endgültig als abgeschlossen betrachtet werden. Alle HLS wurden entweder verkauft, oder auf Kosten des Bundes demontiert. Viele der verkauften Anlagen sind heute noch im Einsatz (z.B. in Darmstadt, Kassel, Köln), werden aber nach und nach durch elektronische Sirenen ersetzt.


Quellen